Gen Datenbank zeigt von Tausenden unterschiedlicher Krebszellen wo sie angreifbar sind
Bericht vom AAAS Wissenschaftskongress
„Wir wollen, dass es für jede Art von Krebszelle ein eigenes Medikament gibt. Tausende verschiedene, Präzisionswirkstoffe, die nur die Krebszelle und nichts sonst angreifen.“ Und: „75 Prozent unserer Krebsmedikamente haben keine hohe Qualität, wenn es um gezielten Kampf gegen den Krebs geht“, sagt Fiona Behan, leitende Wissenschaftlerin für funktionale Genforschung beim Pharmahersteller GlaxoSmithKline. Sie präsentiert beim virtuellen AAAS Wissenschaftskongress in Phoenix, Arizona.  Chemotherapie sei halt heute meist das Mittel der Wahl, aber das Gift greife eben alle Zellen im Körper an, nicht nur die Krebszellen. Mit all den bekannten Nebenwirkungen.
Was man längst weiß: Krebszelle ist nicht gleich Krebszelle. Ein Leberkarzinom zum Beispiel kann bei unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich geartete Zellen haben. Behandelt werden sie aber gleich. Was aber wäre, wenn wir für jede der Tausenden unterschiedlichen Krebszellen genau wüssten, wie wir genau diesen einen Typus ausschalten können? Und man dann für den jeweiligen Patienten genau das richtige Medikament produziert?
Ein Konzept dafür haben Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien beim Kongress vorgestellt. Die Fragestellung: „Wo ist die Krebszelle angreifbar? Worauf ist eine Krebszelle angewiesen, um weiter zu wachsen - und wie können wir das für neue Medikamente nutzen“. Und da ist der Ansatz, sagt ihr Kollege Mathew Garnett vom Wellcome Sanger Institute in Hinxton, England. „Mit der Genschere CRISPR kommen wir den Krebszellen auf der Ebene der DNA auf die Spur. CRISPR erlaubt uns, einzelne Genabschnitte an und aus zu schalten, und das mit einer Präzision und Genauigkeit, wie es früher nicht möglich war“.
Jeder Genabschnitt hat eine Funktion, zum Beispiel ein bestimmtes Protein zu produzieren. Wenn man einen solchen Abschnitt abschaltet und feststellt, dass dann ein bestimmtes Protein fehlt und die Zelle davon abstirbt, hat man einen Ansatz für ein neues Medikament, das die bösartigen Zellen verhungern lässt.
Gemeinsam mit Jesse Boehm vom Broad Institute an der Harvard University entwickeln die Wissenschaftler eine Datenbank, in die jede genetisch untersuchte Krebszelle eingetragen werden soll, egal wo auf der Welt sie genetisch untersucht wurde. Auf die könnten dann alle Forschenden zugreifen. Und in der Zukunft könnten Ärzte die Krebszellen ihrer Patienten mit der Datenbank vergleichen und genau das richtige Medikament bestellen. Für dieses Projekt wollen die Forscher nicht nur Ärzte, sondern die Patienten einspannen. „Wir wollen das zu einem Projekt nicht mehr von wenigen Instituten, sondern vieler individueller Menschen machen“, sagt Boehm. Das erhöhe vor allem die Chance, auch an Proben sehr seltener Krebsarten zu kommen und die dann im Labor zu züchten und zu untersuchen.
Wer heute an Krebs erkrankt, recherchiert meist im Internet, informiert sich auf Foren. Und über möchte man, dass die Patienten über ihre Ärzte eine Probe ihrer Krebszellen spenden. Sie werden selbst nichts mehr davon haben, weil es Jahre dauert, bis ein Medikament entwickelt wird. Aber sie helfen anderen, wenn mit ihren Zellen geforscht wird. Und noch etwas will man erreichen: Dass zukünftig Krebsmedikamente für unterschiedliche Menschen individuell produziert werden. „Wir forschen zum Beispiel über Krebs bei Kindern, versuchen herauszufinden, welche Unterschiede bei gleicher Krebsart bei Tumoren von Kindern und Erwachsenen vorliegen“, sagt Mathew Garnett. Da müssten noch viel individueller Therapien entwickelt werden, als das heute der Fall sei.  
Und nicht zuletzt ist das Ziel, Krebsmedikamente speziell für Frauen und Männer zu entwickeln, für Menschen mit europäischer, afrikanischer oder asiatischer Abstammung – und nicht mehr nach dem Motto „eins muss für alle passen“.
Back to Top